Ken saß in der Gondel auf der Fahrt hoch auf den Stiffeler Jochberg, wo ein gemütliches Blockhaus in der ungemütlichen aber abenteuerlichen und deshalb wild romantischen Atmo der Alpen auf ihn wartete. Und vor allem wartete dort Janet. Er freute sich auf sie, denn er hatte sie schon so lange nicht mehr gesehen. Und vor allem gefühlt. Und geatmet. Er war wie versessen auf den Duft, den ihr Körper ausströmte und auf das Gefühl ihrer Haut, über die seine Hand gleiten würde. Wenn sie neben ihm saß oder lag, dann fühlte er sich zu hause und er träumte davon, irgendwann einmal das Geld zu haben, sich mit ihr einen gemeinsame Wohnung leisten zu können. Dieser Traum kam ihm immer öfter und auch selbst dann, wenn seine Gedanken mit völlig anderen Dingen beschäftigt waren, die nichts, aber auch gar nichts mit Janet und ihrer geradezu übersinnlichen Körperausstrahlung zu tun hatten.
Aber Ken war ein rational denkender Mann. Er wusste, dass der Untergang jeder Beziehung eine gemeinsame Wohnung werden würde. Entfernung und Distanz erzeugen Sehnsucht, die begierig gestillt werden möchte. Nähe erzeugt Frustration und erst subtiler und dann offener Krieg.
Nein, da war es besser, Distanz zu leben, ja, sie auch ein wenig auf ihn warten zu lassen.
Sicher würde sie schon sehnsuchtsvoll aus dem Fenster schauen und ihre Blicke würden sich schon längst in die Steine auf dem Weg zum Blockhaus gebohrt haben.
Wahrscheinlich hatte sie schon mehrmals ihre Kleidung gewechselt und vor allem ihre Wäsche, weil ihr immer wieder eine bessere Dramaturgie des ersten Augenblicks ihres Wiedersehens eingefallen war.
Als Sopranistin genoss sie die Dramatik. Ken dachte an die Dramatik eines anderen ersten Augenblicks, als sie die Tür öffnete und in zerrissener Unterwäsche vor ihm stand, keuchend und transpirierend, wie nach einem wilden Kampf, ihre Haare wirr und in den Augen die Lustlohe des völligen Begehrens.
"Ich musste sie mir selber zerreißen, Du kommst zu spät!" stöhnte sie ihn an, als wäre es ihre letzte Kraft und dann umschlang sie ihn und zeigte ihm, wie viel Kraft noch in ihr steckte, während die Wohnungstür offen stand. Mit welcher freien Hand hätte man sie schließen sollen?
So träumte Ken seinen unrealistischen Traum, während Janet ganz realistisch die Qualen des Todes an der Felswand erlitt. Es war der nasse und eiskalte Wind, der schon unter ihrer Kleidung an ihre glatte Haut fasste und sie nicht mehr losließ.
Fortsetzung folgt:
3. Folge: Daniela und das Tantra des Todes
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